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Warum Leinenpöbler nicht immer Leinenpöbler sind

Viele kennen sie. Viele sind genervt. Ja, auch wir manchmal. Und dennoch wünschen wir uns etwas mehr Verständnis für sie. Von wem wir reden?

 

Landläufig nennt man sie Leinenpöbler. Wir mögen den Begriff nicht. Jedenfalls nicht mehr. Heute nutzen wir ihn ausnahmsweise dennoch mal. Denn oft hört oder liest man "Wir haben wieder den Leinenpöbler von nebenan getroffen", meist begleitet von einem Augenverdrehen, einem genervten Blick oder eben von einem entsprechenden Smiley. Ich kann das teilweise verstehen, wirklich. Denn wenn wir mit Timmy gerade trainieren und uns kommt ein Hund entgegen, der in irgendeiner Art und Weise auf Timmy reagiert, kann es durchaus passieren dass Timmy ebenfalls reagiert und wir kleine Rückschritte machen. Das nervt in dem Moment, klar. Aber ist häufig nicht zu ändern. 

  

Ich hab schon öfter erwähnt, dass wir so unsere Probleme an der Leine haben und sich Timmy in gewissen Situationen mitunter in die Leine schmeißt und regelrecht ausflippt. Das macht er teilweise auch weiterhin und dennoch sagen wir: Er pöbelt nicht, auch wenn andere das vielleicht anders sehen.  

 

(Anmerkung am Rande: Wir wollen das Problem überhaupt nicht schön reden oder die Schuld in irgendeiner Art und Weise von uns weisen! Timmy hat nie richtig gelernt, mit Hundebegegnungen an der Leine umzugehen. Es wurde von uns vorausgesetzt, dass er das kann! Dieser Fehler ist uns heute (!!!) durchaus bewusst.)

Pöbeln? Ich? Niemals.
Pöbeln? Ich? Niemals.

Lange wussten wir nicht, wie wir mit diesem Verhalten umgehen sollen. Gefühlt wurde sein Verhalten von Woche zu Woche extremer und wir konnten es uns einfach nicht erklären. Wir sind von Trainer zu Trainer, von Hundeschule zu Hundeschule aber es klappte einfach nicht. Es kam dann noch die ein oder andere schlechte Erfahrung mit anderen Hunden hinzu und in unserem ersten Urlaub ist die Situation dermaßen eskaliert, dass ich abends weinend im Ferienhaus saß und einfach nicht mehr weiter wusste. Wir verstanden einfach nicht, warum er alles und jeden anpöbelt. Wir fingen an, an uns zu zweifeln denn schließlich schafften wir es einfach nicht, unseren Hund zu erziehen. Dies wurde uns auch von vielen Hundehaltern und auch (oder besonders) von Nichthundehaltern deutlich gesagt. "Der ist aber aggressiv", "Ja, so ists fein - guck dir das pöbeln bloß nicht ab von dem", "So ists brav - du bist halt gut erzogen im Gegensatz zu dem da", "Der braucht aber noch viel Erziehung", "Den haben sie aber nicht im Griff", "Ist ja kein Wunder, dass meiner so Durcheinander ist, wenn Ihrer so pöbelt"... 

 

 

Wir - vor allem aber ich - haben uns das echt angenommen und bei jedem Hund den wir schon von weitem gesehen haben, stieg die "Panik" in uns. Wir steigerten uns irgendwann gegenseitig rein, ich übertrug meine Panik auf Timmy und so änderte sich sein Verhalten nicht. Spaziergänge wurden zum Spießrutenlauf und Gegenden mit Hunden haben wir gemieden. Aber der nächste Urlaub würde kommen und man kann Problemen ja nicht ständig aus dem Weg gehen. Über eine Bekannte sind wir dann auf unsere Hundetrainerin aufmerksam geworden und wir wollten nochmal einen Versuch wagen. Wir waren ursprünglich wegen anderen Baustellen bei ihr, aber dann nahmen wir spontan an einem Begegnungstraining teil und da sagte sie etwas ganz entscheidendes zu uns. Den genauen Wortlaut weiß ich natürlich nicht mehr, aber sie begann eben nicht an den Symptomen sondern an der Ursache zu arbeiten. Im Nachhinein völlig logisch aber damals sind wir auf das einfachste nicht gekommen. Sie sagte, dass wir beobachten müssen WIE er sich in bestimmten Situation an der Leine verhält. Denn das ist nicht immer gleich. Wir haben uns so sehr auf das reine pöbeln konzentriert, dass wir das offensichtliche nicht geschnallt haben. Nämlich das es kein "sinnloses rum pöbeln" ist, sondern das er einfach auf verschiedene Situationen reagiert. Wenn man sich darauf konzentriert, konnte bzw. kann man bei ihm einen kleinen aber feinen Unterschied feststellen. Nämlich wann er warum bellt. 

In Summe haben wir das ganze schon recht gut mittlerweile in den Griff bekommen. Aber es gibt nach wie vor Situationen in denen er auf andere Hunde oder Menschen reagiert. Die Gründe dafür können vielfältig sein, bei Timmy sind es im wesentlichen zwei Dinge: Frustration und negative Erlebnisse (und teilweise das Übertragen meiner Stimmung auf ihn - Benni ist da souveräner). Treffen wir unbekannte (teils auch bekannte) Hündinnen, reagiert Timmy hin- und wieder mit Bellen und hängt sich zum Teil auch in die Leine rein. Er macht das aus einem einfachen Grund: Er würde gerne zu ihnen hin. Nicht um mit der Hündin zu spielen oder ähnliches, meistens will er einfach nur schnüffeln. Da das nicht immer geht, haben wir folgendes etabliert: Wenn die Hündin vorbei ist und er sich ruhig verhalten hat, dann darf er den Spuren der Hündin nachgehen und schnüffeln. So nimmt er quasi Kontakt auf, ohne das die beiden sich zu Nahe kommen. Damit haben wir für uns aber vor allem für ihn eine sehr gute Lösung gefunden. 

 

 

Ein weiterer Grund sind bei Timmy negative Erfahrungen. Auch wenn ich es nicht mag anderen die Schuld zu geben, ist das in diesem Fall leider so. Timmy hatte an der Leine zwei für ihn ganz schlimme Begegnungen. Er wurde einmal von einem Schäferhund angegriffen und einmal von einem Berner Sennenhund. Beide stürmten unangeleint (weil "die tun ja nix") auf den angeleinten Timmy zu und packten ihn im Nacken. Es folgten noch drei, vier weitere unanangenehme Begegnungen in denen ihm fremde Hunde (Rüden) einfach viel zu nah kamen und zu aufdringlich wurden, so dass er fortan eben schon von weitem klar machte, dass man ihm besser nicht zu nah kommen sollte. Wir haben also angefangen, mit ihm einen deutlichen Bogen zu laufen oder falls das nicht möglich ist, ihn auf jeden Fall vom anderen Hund abzuschirmen. Was ihm auch oft hilft, wenn er sich mit Schnüffeln ablenken kann (Leckerlis suchen bspw.). Aber ich will da auch eigentlich gar nicht so sehr drauf eingehen. 

 

 

Und eigentlich wollte ich auch gar nicht so ausschweifend werden, aber mich ärgert es manchmal wirklich sehr, dass man mit einem Hund, der an der Leine Reaktionen in Form von Bellen oder Knurren zeigt, immer sofort in eine Ecke gedrängt wird. Nämlich in die der Leinenpöbler, die ihren Hund nicht im Griff haben. Natürlich gibt es Hunde, deren Halter keinen Wert auf Erziehung legen und die es einfach nicht interessiert, was ihr Hund macht oder wie ihr Hund drauf ist. Und ja, vielleicht pöbeln die einfach so rum. Aber es gibt eben auch Halter wie uns. Die an solchen Baustellen arbeiten und sich alle Mühe geben, es aber eben nicht von jetzt auf gleich klappt und bei einigen Hunden vielleicht auch nie. Timmy reagiert nach wie vor am heftigsten auf oben genannten Schäferhund und er reagiert manche Male auch auf andere Berner noch besonders heftig. Das wird sich vielleicht auch nie ändern, egal wie intensiv wir daran arbeiten. Aber wir arbeiten daran. 

 

 

Wir wünschen uns einfach ein ganz kleines bisschen Verständnis, dass Timmy und auch andere Hunde aus verschiedensten Gründen eben verschieden reagieren. Und nicht jeder Hund, der an der Leine bellt - vielleicht auch mal heftiger bellt - nicht einfach nur ein Leinenpöbler ist, sondern ein Hund der eben - mit was auch immer - ein Problem hat. Ich bin mir sicher, viele arbeiten daran und eins könnt ihr mir glauben: Die Halter fühlen sich häufig auch ohne blöde Sprüche schon nicht so gut. Wenn euch also mal wieder ein Hund entgegenkommt, der an der Leine "pöbelt" dann seid nicht genervt sondern versucht einfach mal tief durchzuatmen und euch zu freuen, dass euer Hund gelassen bleibt. Wir versuchen das in Zukunft auch, falls es bei uns irgendwann mal andersrum sein sollte und Timmy der Gelassene ist.

 

An dieser Stelle möchte ich euch gern noch ein Buch ans Herz legen, was ich zum Thema wirklich sehr, sehr gut finde und uneingeschränkt empfehlen kann: Leinenrambo: Positiv trainieren- entspannt spazieren von Sabrina Reichelt*

Schau - ich bin doch ganz entspannt.
Schau - ich bin doch ganz entspannt.

Nun interessiert uns natürlich, wie das bei euch so ist. Wie verhält sich euer Hund an der Leine und könnt ihr uns vielleicht sogar verstehen?


* hierbei handelt es sich um einen Affiliate Link

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Kommentare: 6
  • #1

    Nicole (Freitag, 23 Februar 2018 08:46)

    Schön geschrieben!
    Warum ein Hund pöbelt hat viele Gründe, Schön, dass ihr eine Trainerin gefunden habt, die bei der Ursache beginnt, auch dass ist leider selten.
    Ich hätte auch bereits einen leinenaggressiven Hund. Ausgelöst wurde dies durch negative Erlebnisse und unbewusst verstärkt durch mich. Ein Teufelskreislauf...

    Schlimm sind wirklich die Reaktionen, das Unverständnis und die Rücksichtslosigkeit anderer Hundehalter.
    Gebt nicht auf!!
    Liebe Grüße,
    Nicole

  • #2

    Franziska (Freitag, 23 Februar 2018 10:06)

    Schön, dass du über etwas schreibst, was gerade mir auch sehr nachgeht! Toni pöbelt auch an der Leine und, wie du schon sagst, mir ist die Situation schon von Grund auf unangenehm. Wenn ich jetzt auch noch merke, dass unser Gegenüber sich sichtlich ein Urteil bildet oder sich vielleicht sogar profiliert, weil sein Hund so brav ist, muss ich echt aufpassen, dass mir dann nicht der Kragen platzt :/
    Denn keiner kann wissen, wie sehr man eigentlich mit dem Hund trainiert und wie toll er sich in anderen Situationen verhält.
    Viel Erfolg bei eurem weiteren Training!

    Liebe Grüße
    Franzi & Toni von Schäferstunde

  • #3

    Isabella (Freitag, 23 Februar 2018 12:35)

    Bei uns gab es da schon die unterschiedlichsten Hunde-Charactere. Im Moment ist Cara diejenige, auf die der Begriff "Leinenrambo" am ehesten passen würde. Und auch wir arbeiten daran - aber zum einen haben wir wenig Gelegenheiten, denn wir treffen hier in Herbst und Winter seltener andere Hunde und dann in Frühjahr und Sommer sind hier oft so viele Hunde unterwegs, dass man von vernünftigem Trainig auch nicht mehr reden kann.
    Aber auch bei Cara haben wir schon viel erreicht - aber eben nicht in jeder Situation. Allerdings habe ich nach vielen jahren mit immer mal wieder ähnlichen Hunden gelernt mich total entspannt mit einem zerrenden, knurrenden und geifernden Hund sicher und total entspannt an anderen vorbeizubewegen. Auch dadurch sind die "Anfälle" mittlerweile schon harmloser geworden und vor allem viel kürzer.

    Ich kann Dich aber sehr gut vertehen und freue mich auch, wenn ich keine beißenden Kommentare hören muss.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Cara und Shadow

  • #4

    Iris Marchner (Freitag, 23 Februar 2018 21:28)

    Es tut mir immer leid, wenn ich lese was für ein Spießrutenlauf es sein muss, wenn man einen ‚Leinenpöbler‘ hat. Ich erlaube mir da kein Urteil und würde die Besitzer nie dumm anreden. Meine Hunde sind vom ersten Tag ohne Leine gelaufen und haben schnell gelernt die Körpersprache der anderen Hunde zu lesen. Trotz Beißattacken bei Paula - immer Schäferhunde - ist sie immer freundlich geblieben. Wenn uns Hunde an der Leine entgegenkommen rufe ich sie zu mir und kann auch an Pöblern entspannt vorbeigehen. Sauer werde ich nur, wenn Besitzer mit Hunden an der Leine grundsätzlich alle freilaufenden Hunde verurteilen, auch wenn sie abrufbar sind. Ich hoffe ihr macht weiter Fortschritte und schiebt nicht eventuelle Rückschritte auf andere Hundebesitzer wie viele andere.
    Grüße von Paula (14) und Emmie (fast 2)

  • #5

    Simone (Dienstag, 27 Februar 2018 22:25)

    Sehr schön geschrieben - Kompliment!
    Auch ich habe 1,5 aufgeregte Beller bei mir.
    Wir "arbeiten" natürlich auch daran. Ich versuche ihnen viel Sicherheit zu vermitteln und ihre Sorgen ernst zu nehmen. Es gibt besser und schlechtere Tage. Und einer meiner Lieblinge wird auch nie ganz damit aufhören können.
    Bellen und knurren ist die Sprache der Hunde und das gute Recht eines jeden Hundes sich über seine Sprache zu äußern.
    Lasst euch nicht von den Kommentaren oder Blicken von anderen Menschen beeindrucken. Am Besten ignorieren (auch wenn es schwer fällt).

    Liebe Grüße

  • #6

    Bettina (Donnerstag, 01 März 2018 14:01)

    Hallo,
    da hast du einen schönen Artikel geschrieben. Ich habe auch einen irgendwie Pöbler. Warum irgendwie? Ich pendel mit ihm oft zwischen 2 Orten (Wohnung und Eltern ca 3std fahrt). Wenn wir in der Wohnung sind ist Gassi gehen oft super anstrengend. Ich glaube so 85% blöd (davon bei 5 Hunden extrem) und der Rest geht gut. Bei meinen Eltern ist das anders rum- ich weiss aber nicht warum. Ausserdem ist er sehr sprunghaft beim Pöbeln. Dort ist das Gassi gehen echt viel entpannter. Man kriegt aber auch keine blöden Kommentare entgegen wenns mal nicht klappt. Hier bei der Wohnung ist es ganz anders, wenn da ein freilaufender Hund unseren anpöbelt und er mal zurück knurrt ist er gleich der super böse Hund.
    Natürlich gibt es sehr viel liebe Hunde die man frei rennen lassen kann. Naja hier habe ich nicht so das Gefühl. Ich denke wie gut man mit dem Training vorankommt hängt mit vielen zusammen- auch mit dem Verständnis anderer Besitzer.
    Es ist immer schwierig wie man sich verhält, sicher spielt die eigene (innere) Haltung hier eine grosse Rolle, aber manchmal hilft vlt auch ein kleiner Ortswechsel wo man ab und zu gehen kann.
    Das Buch Leinenrambo finde ich auch super und es hat auch geholfen bei uns. �